ALEXANDER GYÖRFI

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Kostüm Total (Alexander Györfi & Peter Holl)
EXPERIMENTA FOLKLORE, KUNSTVEREIN FRANKFURT 2008/09

 

 

Beteiligte Künstler: Olaf Breuning, Sung Hyung Cho, Marie-Clémence & Cesar Paes, Factotum, Jeremy Deller & Alan Kane, Uroš Djurić, Michael Dreher, Lilian Franck, Andy Holden, Honey-Suckle Company & Konrad Sprenger, Dani Jakob, juneau/projects, Johanna Kandl/ H.&J. Kandl, Kostüm Total (Alexander Györfi & Peter Holl), Thomas Kratz, Arto Lindsay, f.marquespenteado, Jonas Ohlsson, Georges T. Paruvanani, Claus Richter, Duncan Ross, Jim Shaw, Shimabuku, Nicole Wermers

 

Kostüm Total nennt sich ein Gemeinschaftsprojekt der Stuttgarter Künstler Alexander Györfi & Peter Holl. Der Name dieses spartenübergreifenden Experiments zwischen Kunst und Musik gibt bereits die programmatische Stoßrichtung vor: Mit Kostüm und Maskerade in Musikperformance, Rauminstallation oder Film beschwört das Duo künstliche Traumwelten, die ihre Anregungen in geometrischen Abstraktionen aus der Zeit der Klassischen Moderne, sowie elektronischer Pop-Musik aus den letzten Dekaden des 20. Jhs. suchen. Während die ersten Auftritte als reine Musikperformance noch im privaten Umfeld stattfanden, führten der weit gesteckte kunsthistorische Referenzrahmen und der Charme einer hemmungslosen bricolage schon bald zu einem verstärkten Interesse von Off Spaces und Kunstinstitutionen.

 

In der Ausstellung „Experimenta Folklore“ im Frankfurter Kunstverein (2008/2009) trat schließlich eine räumliche Inszenierung hinzu, in welcher der ephemere Charakter der Performances erstmals in eine begehbare, bühnenraumähnliche Situation überführt wurde, die dem freien Spiel der Rückbezüge im musealen Kontext greifbarere Gestalt und Nachhaltigkeit verlieh. Neokonstruktivistische Requisiten in reduziertem Schwarz-Weiß aus Styropor und Pappmaché, trichterartige Lautsprecher und ein durchbrochener Paravent waren im schwarz gestrichenen Ausstellungskubus auf dem Boden wie auf den Wandflächen arrangiert und bildeten mit einer Trickfilmanimation mit Formen aus der elementaren Geometrie und dem zugehörigen Musikvideo „Im Gegenlicht sehen wir die Menschen nicht“ eine Synästhetik von (bewegtem) Bild und Raum. Als Möglichkeit einer allumfassenden Erfahrung des Betrachters klingt dies bereits im Namen des Projektes an und verweist auf die Idee einer vollkommenen Durchdringung von Kunst und Leben, wie im Zeitalter der Moderne von den Futuristen oder dem Bauhaus immer wieder gefordert.

 

Bei Kostüm total erfährt dieses Konzept allerdings die zeitgemäße Bedeutungsverschiebung einer vor allem aus dem „Leben mit Pop“ geborenen, rigorosen Maskerade, der sich die Künstler-Akteure als Kunstfiguren getarnt bedienen und sich somit mit Lust auf das Abenteuer eines gemeinschaftlichen Arbeitens jenseits der jeweils individuellen bildkünstlerischen Kontexte und der Erwartungshaltungen des Publikums einlassen können.

Allein über die formalen Aspekte der Kostümgestaltung, der Raumkonzeption verzerrter Proportionen im Verhältnis von Figur und Requisite oder der mechanisierten, gliederpuppenartigen Bewegungsabläufe ergeben sich deutliche Bezüge zu den Bühnenexperimenten am Bauhaus, vor allem zu den durch Oskar Schlemmer entworfenen Figurinen des „Triadischen Balletts“, das 1922 in Stuttgart uraufgeführt wurde. Als „tänzerischer Konstruktivismus“ definierten sich die Körperkonstellationen nicht mehr allein durch die Ausdruckskraft der Tänzer, sondern wurden durch Form und Erscheinung der weitgehend starren Figurinen bestimmt, in die sich der Ausführende gleich einer Verpuppung einfühlen musste und die den gewohnt expressiven Gestus traditioneller Formen des Tanzes stark einschränkten.

 

 

Schlemmer schuf -wie er selbst schrieb- „die erste konsequente Demonstration des raumplastischen Kostüms“, so dass „der Körper, je mehr er mit dem Kostüm verwächst, zu neuen tänzerischen Ausdrucksformen gelangt.“ In seinen theoretischen Überlegungen zur Wechselwirkung von „Mensch und Kunstfigur“ forderte er 1925 in Anlehnung an Heinrich von Kleists „Marionettentheater“ oder E.T.A. Hoffmanns „Olympia“ aus dem Nachtstück „Der Sandmann“ einen Automaten als Kunstfigur für die Bühne, der „jegliche Bewegung, jegliche Lage in beliebiger Zeitdauer (erlaubt)“. Die Beziehung „des natürlichen ‚nackten’ Menschen (der auch bei Kostüm total unter der Maskerade immer wieder hervorscheint) zur abstrakten Figur“ erfährt „aus dieser Gegenüberstellung eine Steigerung der Besonderheit (seines) Wesens.“

 

Dieser Retro-Flirt mit der Avantgarde kennt aber noch weitere Inspirationen: Die megaphonartigen Lautsprecher verweisen auf die futuristischen, „intonarumori“ genannten, Geräuschemacher eines Luigi Russolo und lassen das Totaltheater „Sieg über die Sonne“ von Michail Matjuschin und Kasimir Malewitsch gleich implizit im Takt der programmierten Rhythmen mitschwingen, ohne dass sich jedoch bei der durchaus auch humoristisch zu verstehenden Anverwandlung von Versatzstücken der Moderne ein beherrschendes Moment herausfiltern ließe. Dies gilt in ähnlicher Weise für die wunderbar imperfekten, in Stop-Motion-Technik erstellten Trickfilmsequenzen bewegter geometrischer Formen: Diese können und wollen ihre Rückbezüglichkeit zu filmischen Experimenten eines Hans Richter, Walter Ruttmann oder Oskar Fischinger nicht verleugnen und werden risikofreudig dem konzeptuellen Spagat zwischen nostalgischer Stummfilm-Ästhetik und digitalem Video ausgeliefert.

 

Im inszenierten Klanglabor wird spielerisch der Schöpfungsmythos der Kunst aus dem Geist der Maschine vorgeführt, bei dem mit naiver Neugier und scheinbar unberührt vom Weltwissen die Geschichte der elektronischen Musik vom akustischen Experiment bis zur sequencierten Unterhaltung im Zeitraffer neu erzählt wird. Die surreal anmutende Dingwelt der „Räder im Weltall“ (Kostüm total) erwacht zum Leben und lässt sich nur durch roboterhaft agierende Mischwesen beherrschen.

 

Der Elektropop von Kostüm total bringt schließlich den strengen Konstruktivismus mit seiner Beschreibung der Welt als Quadrat, Dreieck, Kegel oder Zylinder und den heiligen Ernst der damaligen Avantgardisten durch heitere Schüttelreime in klassischen Songstrukturen zum Tanzen. So überrascht der Soundtrack des Videos „Im Gegenlicht sehen wir die Menschen nicht“ den Hörer konsequent mit stilistischen Finten in ironischer Brechung – aus Sinustönen und Geräuschen erwächst langsam ein Pop-Track mit Ohrwurmcharakter, der allerdings von den kostümierten Protagonisten distanziert und kühl vorgetragen wird, die im Refrain nicht müde werden, dem Betrachter treuherzig zu versichern: „Wir sind so heiß wie ein Vulkan!“

 

Peter Daners

IM GEGENLICHT SEHEN WIR DIE MENSCHEN NICHT

 

Musik: Alexander Györfi

Texte und Gesang: Peter Holl & Alexander Györfi

KOSTÜM TOTAL - BALLETT "LE TOURBILLION" MIT TÄNZERN DER STAATSOPER  HANNOVER UND MATTIAS BRÜHLMANN  IM KUNSTVEREIN HANNOVER. 2011