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Mitwirkende: Frédéric Auvrai, Lisa Biedlingmeier, Martin Haak, Nathalie Karanfilovic, Samantha Scott.

Pimui Pictures "La ballade gens heureux" ist ein Projekt, bestehend aus mehreren Teilen. Ausgangspunkt ist Györfis Schallplattenaufnahme aus dem Jahr 2001, eines Soundtracks, zu einem fiktiven Film. Neben der CD existiert ein Filmplakat und ein 3 minütiger Movietrailer. Desweiteren eine Photo- und Filmdokumentation, über die Filmaufnahmen des Movietrailers in Carcassonne. Györfis Interesse gilt den Nebenprodukten, die bei einer Filmproduktion entstehen. Der Film, als eigentliches Zentrum entsteht nur in der Vorstellungskraft eines jeden Betrachters. Die Einzelteile formen individuell verschiedene Spielfilme.

Palais de Tokyo-Site de creation contemporaine, Paris 2001

 

 

 

Interview von Philipp Ziegler zu dem Projekt "La ballade des gens heureux" 2001

 

Philipp Ziegler: „La ballade des gens heureux“ ist in einem Ferienhaus in Südfrankreich entstanden. Wie kam es zu dem Projekt?

 

Alexander Györfi: Die Idee, einen Film zu machen, hat mich schon länger verfolgt. Begonnen hat das 1999 mit einem Projekt im Kunstverein Wolfsburg. Ich arbeitete damals bereits an einer Schallplatte und habe mich viel mit Filmsoundtracks auseinander gesetzt. Die Arbeit in Wolfsburg sah so aus, dass ich Szenen aus Filmen, die mir gefallen, nahm und da meine eigene Musik darüber gelegt habe. Irgendwann kam ich dann an den Punkt, dass ich zu dem Soundtrack einen eigenen Film machen wollte. Allerdings ging es mir nicht darum, einen ganzen Spielfilm zu drehen, sondern mich haben mehr die Produkte interessiert, die normalerweise um einen Film herum existieren: der Soundtrack, der Movie-Trailer, das Filmplakat.

 

Ziegler: Ist „La ballade des gens heureux“ aus der musikalischen Vorlage des Soundtracks entstanden?

Györfi: Ich habe zwar den Soundtrack vor dem Film produziert, aber es geht mir nicht primär darum, eine musikalische Idee in Bilder umzusetzen. Mich interessieren vielmehr die Mechanismen des Kinos, die unterschiedlichen Sprachebenen des Films. Wichtig sind mir dabei die Strategien und Produkte, über die Filme vermarktet werden. Letztlich geht es um die Frage, wie Film im Allgemeinen funktioniert. Bei früheren Arbeiten habe ich mich schon damit auseinander gesetzt, wie Musik konzipiert, produziert und vermarktet wird und welche Images da eine Rolle spielen. Das Video „Boy’s don’t Cry“ arbeitet beispielsweise mit einem eingeblendeten MTV-Logo, das dem Betrachter suggeriert, es handle sich um ein professionelles Musikvideo einer realen Band. Den analytischen Ansatz dieser Arbeit habe ich jetzt auf das Filmbusiness übertragen.

 

Ziegler: Ist damit die konkrete Handlung des Films rein sekundär?

Györfi: Das ist wie beim Musik machen. Bei dem „Boy’s don’t Cry“-Video habe ich mir überlegt: Wie könnte so ein kommerzieller Hit aussehen, welche Dinge sind da wichtig? Aber wenn du dann anfängst, selber Musik machst, dann geht es nur noch um deine musikalischen Ideen. Du hörst dann auf Harmonien und Akkorde, auf den Sound. Dabei geht man viel intuitiver vor. Das war bei der „Ballade des gens heureux“ auch so.

Der Ausgangspunkt war mein theoretisches Interesse für die Mechanismen des kommerziellen Films, aber je konkreter das Projekt wurde, wenn die Kamera schließlich läuft, dann stehen die inhaltlichen Dinge im Vordergrund. Es geht dann um das, was einem wichtig ist, in einem Film zu sagen.

 

Ziegler: Die Musiker oder Schauspieler bei deinen Projekten besitzen immer eine große Freiheit zur Improvisation. Geht es dir weniger um das fertige Endprodukt als vielmehr um die Prozesse, die während des gemeinsamen Entwickelns der Arbeit innerhalb des von dir bereitgestellten Rahmens ablaufen?

Györfi: Es gibt Künstler, die lieber nur in ihrem Atelier bleiben. Mir ist es auch wichtig, mit anderen Menschen zusammen zu arbeiten, um Orte zu schaffen, an denen Kommunikation stattfinden kann. Das kann ich aber nur erreichen, indem ich Angebote mache und Rahmenbedingungen biete, die andere Leute nutzen können. Das kann sich ganz unterschiedlich äußern. Das kann eine Homepage sein, bei der Leute Beiträge senden, das kann aber auch ein Tonstudio sein oder wie jetzt ein Filmsetting. Die Strukturen meiner Arbeiten sind dabei prinzipiell immer sehr offen. Auch der Labelgedanke, der sich durch mein Werk zieht, repräsentiert diese Struktur. Mit dem Label können sich die Leute, die ich eingeladen habe, um an meinen Arbeiten teilzunehmen, besser identifizieren.

Es gab das Pimui-Mobilstudio in Ludwigsburg, Pimui-Telemusic für Tokyo TV und die Filmfirma jetzt heißt Pimui Pictures. Es soll schon im Namen diese spezifische Organisationsform meiner künstlerischen Arbeit ausgedrückt werden. Ich bin nicht der alleinige Autor, sondern will die Mitwirkenden möglichst gleichberechtigt integrieren. Diese Arbeitsweise bietet mir eine Alternative zur traditionellen Künstlerrolle. „Pimui“ ist daher für die unterschiedlichsten Projekte denkbar. Bei diesem Film war es konkret so, dass drei Tage vor Drehbeginn meine Hauptdarstellerin abgesprungen ist. Damit war auch das Drehbuch weg. Das Drehen selbst war daher ein fließender Prozess, bei dem das Drehbuch aus den Diskussionen innerhalb der Gruppe entstanden ist. Oft hat die Gruppe entschieden, wie es weiter geht. Ich war nur der Spielführer, der einen Rahmen organisiert: den Drehort, den Transport und die Gelder. Sechs Freunde fahren also in ein Haus und versuchen, einen Film zu drehen. Über eine zweite Kamera habe ich diese Ebene des Projekts zu dokumentieren versucht. Gerade die Doku-Kamera, die für die Handlung des Films eigentlich nicht wichtig war, hat letztendlich eine ganz entscheidende Rolle bei der Entwicklung der Geschichte gespielt, da sich dadurch Realität und Fiktion allmählich zu vermischen began. Erst dadurch hat sich die Handlung der „Ballade des gens heureux“ letztendlich herauskristallisiert.

 

Ziegler: Wovon handelt der Film?

Györfi: Aus der Kombination von Film und Doku-Material ergibt sich eine Perspektive, aus der die Handlung des Films erzählt wird. Fred fängt an mit den Worten: „Jetzt bin ich wohl an der Reihe, die Geschichte zu erzählen. Die anderen haben ja ihre Version schon erzählt.“ Das ist der rote Faden des Trailers, ohne dass Fred konkret sagt, was in dem Film passiert. Ich denke, es ist schädlich für einen Trailer, wenn man zu viel erfährt. Man weiß nicht, ob Fred bei einem Psychiater oder bei der Polizei sitzt. Er berichtet, dass er seine Freundin in ein Therapiezentrum begleitet hat, in dem es noch andere Personen gab, von deren Problemen man allerdings nichts erfährt. Er erzählt dann, wie er die Gruppe erlebt hat, von der Dynamik der Gruppe in dem Haus. Die Projektebene vermischt sich dabei mit dem Inhalt des Trailers, die Doku-Kamera funktioniert hier innerhalb des inhaltlichen Rahmens des Films. Es werden zwar fiktive Szenen gefilmt, aber letztendlich passen die auch in die Realität. Es geht viel um die zwischenmenschlichen Beziehungen, um die Beziehung der Gruppenmitglieder untereinander, aber auch um die mögliche Einsamkeit und Isoliertheit der Personen. Wenn man zwei Wochen so nah aufeinander lebt, wie wir das während der Dreharbeiten gemacht haben, hat das automatisch etwas von einer Gruppentherapie. Da das Drehbuch nicht diese dominante Stellung innehatte, konnten die Dokumentation unserer Realität und die Fiktion des Films problemlos ineinander übergehen.

 

Ziegler: In der Ausstellungssituation versuchst du, deine Videos als Installation in das Raumkonzept mit einzubinden. Was ist dir wichtig für die Präsentation der „Ballade des gens heureux“?

Györfi: Mich würde es einmal interessieren, den Film auch im normalen Kino zu zeigen, damit er als Filmvorschau die Funktion, die er behauptet, auch wirklich erhält. Das wäre die ideale Präsentationsform. Im Museum ist es wichtig, den Film so zu projizieren, dass der Raum ähnlich wie ein Kino funktioniert. Auf einem Monitor könnte „La ballade des gens heureux“ nicht laufen. Auszüge aus der Musik, die ich geschrieben habe, kommen schon im Trailer vor. Den gesamten Soundtrack kann man dann in einer Art Listening-Lounge über Kopfhörer hören und dabei die Szenen des Trailers vervollständigen oder sich dazu einen ganz eigenen Film zusammenbasteln. Der Film ist nur ein Angebot an den Betrachter, er existiert nicht als fixierte Erzählung. Das Ende ist völlig offen. Es gibt zwar Schlüsselbilder, aber nicht wie im kommerziellen Kino, bei dem man die Bilder des Films einfach konsumieren kann. Allerdings ist es auch genauso gut möglich, den Soundtrack dazu zu nutzen, die Leute in der Ausstellung zu beobachten. Dieser Film hat dann mehr mit der Realität des Ausstellungsbesuchers zu tun.

 

Ziegler: Was bedeutet Freundschaft in deinen Arbeiten?

Györfi: Ich denke, dass Freundschaft so etwas wie eine Überschrift über meiner Arbeit sein kann. Auch bei diesem Filmprojekt jetzt. Bei meiner Arbeit generell ist der Austausch untereinander sehr wichtig, damit man gemeinsam etwas erreicht. Das funktioniert am besten mit Freunden, da Vertrauen eine grosse Rolle spielt. Kann aber auch mit Fremden funktionieren. Es kommt darauf an, einen sozialen Rahmen zu schaffen, in dem Kommunikation möglich ist.

 

Ziegler: Inwiefern geht es dir mit deinen Filmen um Kritik kommerzieller Strukturen?

Györfi: Es geht nicht in erster Linie darum, Hollywood oder die Plattenfirmen zu kritisieren, das wäre zu banal. Doch es geht in meiner Kunst darum, Gegenentwürfe zu realisieren. So ähnlich, wie wenn Kinder Kaufladen spielen, funktionieren auch meine Projekte. Ich bin mir sicher, dass im Kinderzimmer spannendere Dinge als im Supermarkt um die Ecke passieren. Ökonomische Rahmenbedingungen können künstlerische Freiheiten beschränken und tun dies meistens auch.

Interview: Phillip Ziegler

Videoinstallation "La ballade des gens heureux" 2001

Exposition collective

 

VIRGINIE BARRÉ + CHRISTOPHE BERDAGUER & MARIE PEJUS + ALAIN DECLERQ + WANG DU + MICHAEL ELMGREEN & INGAR DRAGSET + NAOMI FISCHER + GELATIN + SUBODH GUPTA + KAY HASSAN + ALEXANDER GYÖRFI + GUNILLA KLINGBERG + SURASI KUSOLWONG + MICHEL MAJERUS + PAOLA PIVI + MATTHEW RITCHIE + FRANCK SCURTI + SISLEJ XHAFA + JUN’YA YAMAIDE

 

 

Cette exposition, qui réunit les œuvres d’artistes émergents sur la scène internationale, ne souhaite pas les placer sous l’enseigne d’un thème spécifique, et il ne s’agit pas, non plus, d’une succession de petites expositions personnelles. Ces choix d’œuvres et d’artistes annoncent plutôt les grands axes de travail du Palais de Tokyo pour les années à venir.

Ces artistes, qui s'expriment aussi bien à travers la peinture, la vidéo, la photographie, la performance ou d’autres médiums, dessinent tous une esquisse du paysage artistique actuel et mettent en jeu certaines des problématiques majeures de l’art contemporain.

LA BALLADE DES GENS HEUREUX 2001, VIDEO, TEXT, PALAIS DE TOKYO(PARIS), MUSIK

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